Das Dilemma


Autor/in: Pierre Bourdieu

Es ist wirklich erstaunlich, daß diejenigen, die unablässig von der Sprache und dem (gesprochenen) Wort oder gar von der “Kraft” des Wortes sprechen, niemals die Frage nach dem Wort-Führer gestellt haben. Wenn die politische Arbeit im Wesentlichen eine Arbeit vermittels Worten ist, heißt das, daß die Worte dazu beitragen, die soziale Welt zu erzeugen.
In der Politik ist nichts realistischer als der Streit um Worte. Ein Wort an die Stelle eines anderen setzen heißt: die Sicht der sozialen Welt zu verändern und dadurch zu deren Veränderung beizutragen

Die Gruppen (und insbesondere die sozialen Klassen) sind immer zu einem Teil Artefakte: Sie sind das Produkt der Logik der Repräsentation, die es einem biologischen Individuum oder einer kleinen Zahl biologischer Individuen – Generalsekretär oder Zentralkomitee, Papst und Bischöfe etc. erlaubt, im Namen der ganzen Gruppe zu sprechen, die Gruppe wie „einen Mann“ sprechen und marschieren zu lassen, glauben zu machen (und zuallererst die Gruppe, die sie repräsentieren), daß die Gruppe existiert. Als Mensch gewordene Gruppe verkörpert der Wortführer eine fiktive Person, diese Art mystischen Körper, den eine Gruppe bildet; er entreißt die Mitglieder der Gruppe dadurch dem Zustand der bloßen Ansammlung isolierter Individuen, daß er ihnen ermöglicht, durch ihn mit einer Stimme zu handeln und zu sprechen. Im Gegenzug erhält er das Recht, im Namen der Gruppe zu handeln und zu sprechen, sich für die Gruppe, die er verkörpert (das Volk…) zu halten, sich, mit der Funktion zu identifizieren, der er sich mit Leib und Seele hingibt, wodurch er einem konstituierten Körper einen biologischen Körper verleiht. Die Logik der Politik ist die der Magie oder, ‘wenn man das vorzieht’ die des Fetischismus.
Was aber ist denn schließlich ein Papst, ein Präsident oder ein Generalsekretär anderes als jemand, der sich für einen Papst oder einen Generalsekretär oder genauer: für die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hält? Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom Größenwahnsinnigen unterscheidet, ist, daß man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von “legitimem Schwindel“ zuerkennt.
Glauben Sie mir, die Welt so betrachtet d.h. so wie sie ist, ist ziemlich komisch. Aber man hat ja oft gesagt, daß das Komische und das Tragische sich berühren.
(Pierre Bourdieu)

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